Geschichte der Schaffermahlzeit

„Und wenn die alljährliche Rechenschaft, wie oben bestimmt, gehalten wird, was dann dabei an Bier oder sonst verzehrt und vertrunken wird, das soll nicht zum Nachtheile und Schaden der Armen aus der vorgenannten Kiste genommen werden, sondern ein jeglicher soll seinen Anpart aus seinem eigenen Beutel vergüten und bezahlen."
So heißt es in der Stiftungsurkunde der Armen Seefahrt, und daran hat sich über die Jahrhunderte nichts geändert.

In den ersten Jahren der Armen Seefahrt hatte es keine Schaffermahlzeit im heutigen Sinn gegeben. Aber wann immer damals die Schiffer zusammensaßen, ob bei Rechnungsablage oder am Ende des Winters, wenn es Abschied zu nehmen galt, Essen und Trinken gehörten dazu. Aber nicht auf Kosten der Armen. Jeder zahlte selbst.
Später - nach 1561 - wurde es üblich, daß die Schaffer zum Essen einluden, und, wie es so kommt, im 17. und 18. Jahrhundert versuchten sie, bei der Ausrichtung der Mahlzeit einander zu übertreffen.

„Und da Essen und Trinken für den Norddeutschen", so schreibt der Chronist Johann Georg Kohl im Jahre 1862, „überhaupt ein glitschiges Terrain ist, so gedieh die Sache schon zu Anfang des 17. Jahrhunderts zu einer überflüssigen Größe."
Die Mahlzeiten wurden allmählich viel zu üppig, es wurde kräftig getrunken, und infolgedessen ging es bei Tisch mitunter nicht sehr gesittet zu.
Es gab jedenfalls einige angesehene Bürger der Stadt, die sich von der Schaffermahlzeit distanzierten. Zu ihnen gehörte im 17. Jahrhundert der Kaufmann Claus Mindermann, der - man muß sich das einmal nach heutigen Maßstäben vorstellen - ein Gelübde ablegte, er wolle niemals Schaffer werden.

Es kam, wie es kommen mußte: Eines Tages wurde er vom Haus Seefahrt zum Schaffer gewählt. Doch Mindermann blieb seinem Gelübde treu. Er lehnte ab.
Um aber nicht als Geizhals zu gelten, schenkte er der Armen Seefahrt 14 Last Danziger Roggen und fünf Tonnen Bier. Eine Last waren in Bremen 40 preußische Scheffel. Ein preußischer Scheffel waren 55 Liter.

Beinahe wäre es denn doch noch ein Mindemann gewesen, einer ohne „r", der die Schaffermahlzeit abgeschafft hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre.
Im Jahre 1736 war Dr. Volchard Mindemann im Alter von 31 Jahren in den Rat gewählt worden. Im Jahre 1749 wurde er Bürgermeister. Und dieser Volchard Mindemann war ein ernster und sehr gestrenger Herr, der nichts Fröhliches um sich dulden mochte. Hinter der vorgehaltenen Hand nannten ihn die Bremer einen „Tyrannen".
Doktor Mindemann war fest entschlossen, den kulinarischen und geselligen Ausschweifungen, die ja nun immer mehr zu beobachten waren bei der Schaffermahlzeit, ein für allemal ein Ende zu setzen. Und gründlich, wie er war, wollte er das Übel mit der Wurzel ausrotten. Mindemann wollte die Schaffermahlzeit für alle Zukunft verbieten und die eingesparten Gelder für die Sklavenkasse verwenden. Mindemann war lediglich bereit, jenen Personen, die sich zur Rechnungsablegung einfanden, ein Glas Wein zu genehmigen.
Doch Mindemann hatte nicht mit der Halsstarrigkeit seiner Bremer gerechnet und mit dem diplomatischen Geschick der Kaufherren. Auch hatte er wohl die Kraft einer Institution unterschätzt, die das Haus Seefahrt schon damals, weit über 200 Jahre nach ihrer Gründung, darstellte.

Na gut, wenn „die lärmenden und üppigen Schaffermahlzeiten der Seefahrt ein übler Brauch seien, der mit den Zwecken der milden Anstalt in schneidendem Kontrast stehe und gänzlich abgeschafft werden müsse", wie es Herr Mindemann formulierte, so mußte man eben einen Kompromiß suchen, um die Schaffermahlzeit auch für Herrn Mindemann schmackhaft zu machen.

Es war ja nicht das erstemal, daß man sich auf einem nicht eben gottgefälligen Wege wähnte und infolgedessen den Kurs änderte. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als Volchard Mindemann noch in den Windeln lag, war beschlossen worden, daß es fortan bei der Rechnungsablage nur noch „eine Schüssel mit Ochsenzunge oder etwas kaltem Fleisch" geben dürfe - dazu natürlich das obligatorische Bier.

Bei der Schaffermahlzeit aber sollten die „Bündels" abgeschafft werden. Diese „Bündels", die damals nicht nur bei der Schaffermahlzeit, sondern auch bei anderen öffentlichen Gastmahlen, bei Hochzeiten und Tauffesten gebräuchlich waren, bestanden darin, daß der Gast die Erlaubnis hatte, eine Serviette oder ein Tuch mitzubringen, darin er Backwerk und sonstige transportable Speisen packen durfte, um sie nach Hause zu tragen.
Doch diese Einschränkungen reichten Herrn Bürgermeister Mindemann nicht, und um guten Willen zu zeigen, beschloß das Haus Seefahrt, künftig die Schmeckemahlzeit ausfallen zu lassen und grundsätzlich keine Bremer mehr zur Schaffermahlzeit einzuladen, die nicht wirkliches Mitglied des Hauses Seefahrt waren oder nicht schon einmal selbst geschafft hatten. Selbst die Schaffer durften fortan keine Verwandten mehr zur Schaffermahlzeit einladen. Doch Herr Mindemann ließ sich damit nicht erweichen.
Es ist immerhin bemerkenswert, daß die Schaffermahlzeit schon damals, vor nunmehr 250 Jahren, mit fast genau jenen Argumenten verteidigt wurde, die man noch heute gelegentlichen Kritikern entgegenhält.

So wurde in Eingaben an den Bürgermeister Mindemann darauf hingewiesen, daß das Fest einzig und allein aus privaten Schatullen bezahlt werde, aus den Schatullen der Schaffer. Man erinnerte daran, daß die Mahlzeit viele Teilnehmer herbeizöge - zum Wohle der Stadt, und daß sie sichtlich einem wohltätigen Zweck diene; denn stets werde während des Essens gesammelt, und manch einer gebe, von der guten Stimmung des Augenblicks bewogen, mehr, als er unter gewöhnlichen Umständen gegeben hätte.
Dem konnte auch Herr Mindemann nichts entgegensetzen, was stichhaltig gewesen wäre. Er gab sich - ganz gegen seine Gewohnheit - geschlagen. Die Schaffermahlzeit blieb am Leben, und - sie wird weiterleben.